| Geschichte | |
2.1. Rußland und die Mongolen
Für viele Jahrhunderte prägten verschiedene Völker und Stämme die Geschichte Zentralasiens und Sibiriens. Mehr als einmal sah sich das Russische Reich durch solche Völker bedroht, die weit nach Westen vordrangen und dort ihre Khanate und Reiche gründeten. Erst im 17. Jh. kam es zu einer entscheidenden Wende. Teile Zentralasiens und Sibiriens kamen unter russische Oberherrschaft. Während die Russen immer weiter nach Osten vordrangen, dehnten die Chinesen ihren Machtbereich nach Norden und Westen aus, bis die beiden Reiche sich berührten. Es kam wiederholt zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Russen und Chinesen, bevor man sich auf feste Grenzen einigen konnte. Die Grenzziehung erfolgte ohne Rücksichtnahme auf die in diesen Gebieten lebenden Völker und die Grenzen liefen quer durch deren Siedlungsräume.
Als 1689 im Vertrag von Nertschinsk der Amur als östliche Grenze zwischen Rußland und China festgelegt wurde, lief diese quer durch den Siedlungsraum von Stämmen, die heute als Ewengken oder Qronchen bekannt sind. Im Vertrag von Kjachta 1727 einigten sich China und Rußland auf die südliche Grenze. Sie trennten das Gebiet der Burjad-Mongolen von den anderen mongolischen Gebieten ab; 1884/85 wurde der Altai und das Ili-Gebiet als westliche Grenze gezogen und das Siedlungsgebiet der Westmongolen auseinandergerissen. 1945 schließlich mußte auf Drängen der Sowjetunion China die Äußere Mongolei als souveränen Staat anerkennen. Somit war auch die Teilung des mongolischen Kernlandes besiegelt.
Teile der mongolischen Stämme und Völker gehörten nun zu China, andere zur Sowjetunion oder sie lebten in der Mongolei. In Rußland lebten die Stammesverbände der Burjaten und Ewengken, altaiische Stämme und verschiedene als Urianchai bezeichnete Stamme, Oiraten, Tataren, Kalmücken und Sart-Kalmaken. Der Druck durch den immer stärker werdenden Strom russischer Siedler, der diese Stämme und Völker zu Minderheiten in ihren eigenen Gebieten werden ließ, führte zu einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen ihnen. Die meisten von ihnen leben heute in Autonomen Republiken oder Bezirken.
Die mongolischen Gebiete und die darin lebenden mongolischen Völker und Stämme heute sind:
Gebietsbezeichnung Volk/Stamm Republik Burjatien Burjaten, Ewengken, Tuwiner Aut. Bezirk d. Burjaten Agiaskoje Burjaten Aut. Bezirk d. Burjaten Ust-Ordynski Burjaten Republik Tuwin Tuwiner (früher Urianchai), Burjaten AO Gorno-Altai Alteier (und Oiraten) Chakassische AO Chakassen, Tuwiner Autonomer Bezirk d. Ewengken Ewengken Republik Kalmück Kalmücken
2.2. Geschichte der Burjaten
Das Gebiet der Burjaten stand in seiner Geschichte schon unter der Herrschaft vieler verschiedener mongolischer Stämme. So waren es im 8. Jh. die Yugur, ab Mitte des 9. Jh. die Hakassen, und schließlich wurden die Stämme im Gebiet der Burjaten durch Dschingis Khan
(1162-1227) unterworfen.
Burjatien war stets ein Berührungspunkt von Mongolen, Jakuten, Ewengken und anderen sibirischen Völkern. Obwohl die Jakuten vor den eindringenden Burjaten nach Norden ausweichen mussten, wo sie wiederum Ewengken aus ihren angestammten Plätzen verdrängten, lebten diese Völker doch meistens friedlich nebeneinander und waren durch Handelsbeziehungen eng mit-einander verbunden. Alle diese Völker waren Viehzüchter, Jäger oder Rentierzüchter.
Die Burjaten waren in fünf Klans eingeteilt. Die Chori (oder Chori-Tumed), der größte von ihnen, lebte auf beiden Seiten des Baikalsees und auf der Insel Cholon; die Bulagat entlang der Angara und ihrer Nebenflüsse; die Echirit am Oberlauf der Lena; die Chongodor südlich von den Bulagat und die Tabanod im Süden am rechten Ufer der Selenga. Außerdem gab es in dem Gebiet andere Stämme wie Ewengken oder die aus dem Gebiet der Äußeren Mongolei eingewanderten Stämme der Sartuul und Atagan. Im 17. Jh. verbündeten sich diese Stämme und traten gemeinsam den vordringenden Russen als Burjaten entgegen.
In den dreißiger und vierziger Jahren des 17. Jh. drangen die ersten Russen in diese Gebiete vor. Es waren Kosaken, Händler und Bauern, die vom Pelzreichtum und vom Gold angelockt wurden. Es entstanden erste befestigte Siedlungen, 1646 Werchne-Angarsk, 1648 Bargusin, 1654 Nertschinsk, 1665 Selenginsk, 1666 Werchneudinsk, das heutige Ulan Ude, und andere. Die vordringenden Russen trafen auf keinen ernsthaften Widerstand. Aufgrund der militärischen Uberlegenheit (Feuerwaffen) der Russen war dieser auch gar nicht möglich.
Zum Interessenkonflikt kam es zwischen Rußland und China, die beide dieses Gebiet beanspruchten. Schließlich entschied sich dieser Streit zugunsten der Russen, und im Vertrag von Nertschinsk 1689 wurde der Argun, der in den Amur mündet, als Ostgrenze zwischen beiden Ländern festgelegt. 1727 legten Rußland und China im Vertrag von Kjachta auch die Südgrenze fest, die der heutigen Grenze zwischen Rußland und der Mongolei entspricht. Beide Verträge wurden über die Köpfe der Mongolen hinweg geschlossen.
Immer mehr Russen strömten nun in die neuen Gebiete. Sie verdrängten Burjaten und Mongolen aus den fruchtbarsten Gebieten und begannen ihrerseits, die Wälder zu roden, Felder anzulegen und befestigte Siedlungen zu bauen. Besonders betroffen waren die West-Burjaten, die in den fruchtbarsten Regionen lebten. Die Burjaten im Osten, wo die Böden für den Ackerbau nicht geeignet waren, blieben vor dieser Entwicklung zunächst verschont.
Burjaten und Ewenken wurden der zaristischen Regierung tributpflichtig. Der Tribut mußte in Form von Vieh oder Fellen entrichtet werden. Dieser Tribut entsprach jedoch einer Ausplünderung, und es kam zu schweren Aufständen. Russen wurden ermordet, ihre Siedlungen niedergebrannt. Eine weitere Revolte gab es gegen Ende des 19. Jh., als Pläne der Regierung bekannt wurden, daß im Rahmen einer Landreform jeder Einwohner, ob Einwanderer oder Einheimischer, nur noch über die gleiche Landfläche verfügen sollte. Für die burjatischen Nomaden war dieser Plan völlig unannehmbar.
Buriate
Allmählich veränderte sich das Leben der Burjaten. Die West-Burjaten begannen, ihre Filzjurten durch Holzjurten oder Blockhäuser zu ersetzen. Viele wählten den Ackerbau als neue Lebensgrundlage und hielten nebenbei noch Vieh. Von den Russen lernten sie neue, handwerkliche Fähigkeiten kennen, besonders das Zimmererhandwerk und die Bearbeitung von Silber und Kupfer.
Seit der zweiten Hälfte des 17. Jh. begannen die Russen mit der Ausbeutung der Bodenschätze, besonders Gold, Silber und Blei. Es entstanden kleine Industriebetriebe, Schmelzhütten, eine Glasfabrik, Lederfabriken, Zucker-raffinerien und Kornmühlen. Wichtiger als die Industrie war jedoch der Handel, besonders auch mit China. Kjachta wurde zu einer wichtigen Handelsmetropole. Während die Händler für Pelze und andere Erzeugnisse kaum etwas bezahlten, verkauften sie ihre eigene Ware zu hohen Preisen. So gerieten Burjaten, aber ebenso die einfachen russischen Siedler in völlige Abhängigkeit von den reichen Händlerfamilien.
Russe
Da das Land, das die Russen ihnen zuteilten, für viele Burjaten nicht ausreichte, zogen die West-Burjaten weiter nach Osten und siedelten sich in den Tälern des Bargusin und der Selenga an. Der größte Stamm der Ost-Burjaten, die Chori, zogen sich daraufhin im 19. Jh. noch weiter nach Osten zurück. Gleichzeitig kam ein Strom von Mongolen aus der Mongolei in das Baikalgebiet, die vor den Kriegen und Hungersnöten dort flüchteten.
Im Februar 1918 übernahmen die Sowjets die Macht. Doch im August desselben Jahres besetzten Japaner das Baikalgebiet Sie wurden von weißgardistischen Truppen unter Semjonow unterstützt. Bis zum Dezember 1919 waren diese Truppen jedoch soweit zurückgedrängt, daß sie nur noch Werchneudinsk, Troizkossawsk (Kjachta) und einen schmalen Streifen entlang der Transbaikalbahn hielten. Am 2. März 1920 wurden die Weißgardisten aus Werchneudinsk vertrieben.
Dennoch fiel nicht sofort ganz Transbaikalien an die Sowjets, sondern nur West-Burjatien. Im Osten wurde die ,,Fernöstliche Republik" gegründet. Sie umfasste das Baikalgebiet, Transbaikalien, das Amur-Gebiet, die Küste, Kamtschatka und Nord-Sachalin und bildete einen Pufferstaat zwischen der UdSSR und Japan. So entstanden zwei autonome burjatische Gebiete, das eine im April 1921 in der ,,Fernöstlichen Republik", das andere im Januar 1922 innerhalb der RSFSR. Dazu gehörten die Aimag Tunkin, Alarsk, Echirit-Bulagatask, Bochansk und Selenginsk.
Bis zum November 1922 vertrieben die sowjetischen Truppen jedoch die Japaner aus der ,,Fernöstlichen Republik". Das Gebiet wurde ebenfalls der RSFSR eingegliedert. Am 30. Mai 1923 fiel der Beschluss, eine Burjatische ASSR zu gründen. Diesen Beschluss bestätigte am 12. September 1923 das Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion.
Die politischen Veränderungen in der ehemaligen Sowjetunion haben bei den Burjaten die Hoffnung auf eine Selbständigkeit geweckt. Diesem Wunsch trugen sie Rechnung, als sie 1990 ihren Anspruch auf Loslösung von der Sowjetunion anmeldeten, dem wurde aber bis heute nicht stattgegeben, und so gehört Burjatien zu Russland.