| Religion | |
9.1 Animistische Vorstellungen
Der Obo wird umrunde
Bei den Burjaten sind animistische Vorstellungen weit verbreitet. Das gilt sowohl für die westlichen wie auch für die östlichen Burjaten, obwohl die meisten östlichen Stämme Anhänger des Lamaismus sind, der im 17. Jh. aus der Äußeren Mongolei in deren Gebiet eindrang. Die Burjaten glauben, daß alle Dinge in der Natur, z.B. Berge, Flüsse, Bäume oder Sträucher, aber auch das Feuer und der Himmel, von Geistern und Göttern bewohnt sind. Diese bringen Gutes oder Unheil über die Menschen, je nachdem, wie sie behandelt werden. Daher müssen sie durch Opfer und kultische Handlungen gnädig gestimmt werden.
9.2 Tenger-Religion
Der Himmel wird von den Tengern bewohnt. Man teilt diese im allgemeinen in 55 westliche, gute, und 44 östliche, böse. Diese Götter leben im Streit miteinander und bekämpfen sich gegenseitig. Über den Ursprung des Streites gibt es unterschiedliche Berichte. Einer besagt, daß nach dem Tod des ehemals höchsten Tenger zwei andere die Thronfolge beanspruchten und die Tenger sich deshalb in zwei Lager spalteten. Ein anderer erzählt von einem Streit um ein bestimmtes Gebiet des Himmels. Möglicherweise handelte es sich ursprünglich jedoch nicht wirklich um verschiedene Götter, sondern lediglich um unterschiedliche Wesenszüge des höchsten Wesens, das Esega Malan Tenger genannt wird. Was lag also näher, als diese scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften auf verschiedene Götter zu verteilen und so auch noch die Existenz von Gut und Böse erklären zu können. Esega Malan Tenger gilt als das erste aller Wesen, er war vor allen anderen da. Er soll auch Ursprung der Schöpfung sein, seine Wesenszüge gleichen dem Gott des christlichen Bekenntnisses. Eine Legende besagt, daß zuerst nur Esega Malan Tenger und seine Gemahlin da waren, aber um sie herum war alles finster und stumm. Deshalb erschuf er zuerst die Sonne, den Mond und die Sterne, dann alle Tiere und Pflanzen, und als letztes den Menschen.
9.3 Verschiedene Gottheiten
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Hingegebene Budhisten
Wie viele andere sibirische Völker, so verehren auch die Burjaten das Feuer besonders. Der Feuergott gewährt der Jurte besonderen Schutz. Es gibt eine Reihe von Vorschriften, was nicht ins Feuer geworfen werden darf. Ebenso ist das Herumstochern mit spitzen Gegenständen im Feuer verboten, um den Feuergott nicht zu verletzen. Dem Feuer werden Spritz- und Speisopfer dargebracht. Vor Beginn der Mahlzeit ist der Feuergott der erste, der zu essen bekommt. Auch gibt es spezielle Opferzeremonien für den Feuergott. Dabei wird vor dem Herd ein Opfertier, ein Schaf oder eine Stute, geschlachtet. Das Vorderteil des Tieres gibt man dem Feuergott. Im Verlauf der Zeremonie wird dem Feuergott auch ein spezieller Pfeil geweiht, der mit verschiedenen Bändern und drei kupfernen Knöpfen versehen wird. Nach Beendigung der Zeremonie wird der Pfeil zusammen mit den Onggod aufbewahrt.
Eine Besonderheit der Burjaten sind die Schmiedegeister. Das rührt daher, daß die Schmiedekunst bei den Burjaten sehr hoch entwickelt war. Auch sie gliedern sich in zwei Gruppen, die den Menschen gut bzw. böse gesonnen sind. Es gibt Berichte, nach denen das Schmiedehandwerk ähnlich dem des Schamanen auf ein Mitglied der Familie vererbt wird. Weigert sich die Person, Schmied zu werden, so wird sie krank und stirbt. Es gibt eine ganze Reihe von Schutzgeistern, die einfach "Edzen" (=Herren) genannt werden. Bei ihnen handelt es sich um die Seelen verstorbener Schamanen, die nun von einem bestimmten Ort Besitz ergriffen haben und sehr mächtig sind. Diese Geister sind meistens böse und wollen dem Menschen schaden. Es gibt aber auch gute unter ihnen, die die Menschen vor Krankheiten und anderen schädlichen Geistern schützen.
9.4 Seelenvorstellungen
Nach Ansicht der Burjaten besitzt der Mensch zwei bzw. drei Seelen. Bei ersterer Einteilung ist die erste Seele an den Menschen gebunden und erlischt mit dessen Tod. Die zweite Seele kann den Körper des Menschen während des Schlafes verlassen und umherwandern. Sie ist unsichtbar und hinterläßt bei ihren Wanderungen keine Spuren. Sie kann sich aber auch materialisieren und nimmt oft die Gestalt einer Biene oder eines Vogels an. Verläßt die Seele den Körper, kann sie von bösen Geistern eingefangen werden. Manchmal schickt der König der Unterwelt, Erlik, Abgesandte aus, um Seelen zu fangen. Diese versuchen, einen Menschen im Schlaf zum Niesen zu bringen, denn dadurch springt die Seele aus dem Körper und wird sogleich abgefangen. Man sollte einen Menschen nicht erschrecken, denn auch durch den Schreck verläßt die Seele den Körper und muß möglichst schnell zurückgerufen werden. Oftmals merkt der Betreffende die Abwesenheit seiner Seele nur daran, daß er sich immer schwächer fühlt.
Nach der zweiten Einteilung ist die erste Seele an das Skelett gebunden. Vermodern die Knochen, stirbt auch die Seele. Sie kann auch beschädigt werden, wenn Knochen zerbrochen werden. Die zweite Seele hat ihren Sitz in den Eingeweiden und kann den Körper durch die Nase verlassen. Sie nimmt dann meistens die Gestalt einer Biene an, weshalb Bienen in der Jurte nicht getötet werden dürfen. Sie ist, wie in der ersten Darstellung beschrieben, vielen Gefahren ausgesetzt, besonders, von einem bösen Geist gefangen zu werden, was für den Menschen Krankheit bedeutet. Die dritte Seele verläßt nach dem Tod den Körper und wandert über die Erde. Sie verwandelt sich in einen Geist oder in ein Reptil. Diese Geister versammeln sich an einem von ihnen entzündeten bläulichen Feuer in einem Kreis, oder kommen auch als ungebetene Gäste zu Hochzeiten und Feiern, um Seelen zu fangen.
Hieraus entsteht auch die Ahnenverehrung. Die noch wandernden Geister der Ahnen haben ihren Platz in dem Denken und Handeln ihrer Nachkommen. Sie werden als Gäste eingeladen, man errichtet ihnen einen Hausaltar, wo ihr Bild aufgestellt und Gefäße zur Versorgung und Opferung für die Ahnen aufgestellt werden. Deshalt ist dieser Platz auch der Ehrenplatz.
9.5 Schamanismus
Viele Burjaten bekennen sich zum Schamanismus. Der Schamane ist ein Mittler zwischen den Menschen und der Geisterwelt. Es werden weiße und schwarze Schamanen unterschieden. Die weißen Schamanen tragen helle Kleidung, opfern männliche, weiße Tiere und ,,Weiße Speisen", also Milchprodukte. Sie treten durch ihre Hilfsgeister mit den wesentlichen Tenger in Verbindung, um Menschen von Krankheiten zu heilen und Glück und Segen zu erflehen, besonders bei Feiern wie Geburt, Hochzeit etc. Die schwarzen Schamanen haben die Aufgabe, böse Geister fernzuhalten, und sie erledigen sie mit Hilfe der östlichen, bösen Tenger, was weitaus gefährlicher ist als der Umgang mit den westlichen Tenger. Sie haben umgekehrt auch die Macht, Unglück und Krankheit über Menschen zu bringen, weshalb sie gefürchtet sind. Die weißen und die schwarzen Schamanen leben im Streit und versuchen manchmal, sich mit Hilfe ihrer Geister gegenseitig zu töten. Nach dem Tod eines Schamanen wird dessen ,,Begabung" weitervererbt, meistens auf ein Mitglied der Familie, das sich dagegen nicht wehren kann. Sonst droht ihm Krankheit und Tod.
9.5.1 Der moderne Schamanismus
Dr. phil Irina Urbaneeva beschreibt, wie der moderne Shamanismus in Burjatien aussieht: "Anfang der 90er Jahre wurde eine Massenbewegung der neuen Burjatischen Schamanen festgestellt, ein Aufwallen des Schamanenkultes und eine Wiederbelebung von mittelalterlichem Kult. Während des Kommunismus und der Stagnation verschwanden die Schamanen nie wirklich, und nun ist es im Rahmen von unrationellen Heilungen, Bio-Energetics, außersinnlichen Wahrnehmungen und so weiter legal geworden. Doch die "Association of Healers of Buryatia" sehen die Schamanen als Teil ihrer Struktur. Nebst dem starken Desinteresse der Schamanen in der Tradition und ihrer Offenheit
Schamane in " Rüstung"
Jedesmal, wenn man sie nach ihren Heilmethoden fragt, antworten die Schamanen: "Ich bin haupt-sächlich ein Schamane" obwohl fast jeder von ihnen ein Expert in Bio-Energetics, außersinnlichen Wahr-nehmungen und Parapsychologie ist. Viele von ihnen sind hochgebildete Leute: Lehrer, Ärzte, Künstler etc. Was steckt dahinter? Einmal ist klar, 'ein Schamane zu sein bedeutet eine "utkha"-spezifische Gabe (Ener-gie) zu besitzen, welche von mystischer Natur ist und wird gewöhnlich auf mysteriöse Weise an Blutsverwandte weitergegeben. ... Zweitens, ein Burjate wird von der Tradition her schon als Schamane anerkannt wenn er "utkha" besitzt, durch die vorgeschriebenen Einweihungsrituale geht und den Schwur der Schamanen ablegt. ... Das Aufkommen zahlreicher junger Schamanen hat eine Schamanenbewegung in der Republik ins Leben gerufen."
Im weiteren wird beschrieben, wie bei öffentlichen Auftritten die Schamanen ihre übernatürliche Macht demonstriert haben: "Im März 1995 fand eine Zusammenkunft aller Schamanen der Republik statt. Die Angelegenheit der Wiederbelebung des burjatischen Schamanismus wurde von den wissenschaftlichen und praktischen Aspekten diskutiert; was der burjatische Schamanismus als Philosophie, geistliche Tradition und Religion ist. In welche Richtung sollte er sich entwickeln? Es wurde generell akzeptiert, daß, wenn man von burjatischem Schamanismus und dem philosophischen Aspekt spricht, daß man eher den Begriff "Tengrianstov" gebrauchen sollte. Dieser Begriff ist legitim, besonders im Blick auf die Tatsache, daß der höchste Kult des "Ewig Blauen Himmels" das Symbol der Philosophie in Beziehung zum Buddhismus ist, und der Zentralasiatische "Tengrianstov" in Beziehung zu der Theologie des Universellen Gottes steht, und daher weder mit den christlichen Begriffen über den Schöpfergott noch mit irgend einer anderer Weltreligion im Widerspruch steht....
"Es waren auch mehrere Diskussionen über die Ethik und den Status der Schamanen, das Thema von Kooperation mit anderen spirituellen Traditionen. Es war die Idee ein "Unified Spiritual Council" in der Baikal Region einzuberufen, welche die drei Religionen der Bevölkerung reflektieren würde."
Dieser (hier gekürzte) Beitrag zeigt, wie der moderne Schamanismus anzutreffen ist und wie er sich definiert.
9.6 Lamaismus
Lamajunge
Der Lamaismus find im Gebiet der Burjaten viele Anhänger. Bis zu Beginn des 18. Jh. hatte er bereits tiefe Wurzeln geschlagen. Das lag zweifellos daran, daß er die einheimischen religiösen Vorstellungen und Bräuche in sich aufnahm und die Burjaten sich nicht allzusehr umzustellen brauchten. Die Lamas traten an die Seite der Schamanen und übten auch deren Funktion aus. Sie lasen wohl die heiligen tibetischen Bücher, aber die angeflehten Gott-heiten waren dieselben wie zuvor, nur unter neuem Namen. Bis 1741 wurden 11 ,,Datsans", lamaistische Klöster, gegründet. Diese Datsans be-standen aus Tempeln, Wohn- und Farm-gebäuden. Zu den Klöstern ge-hörten auch Schulen, in denen die buddhis-tischen Wissenschaften wie Philosophie, Astrologie, Geographie, Mathematik, Medizin und Logik unterrichtet wurden. Viele Lamas entwickelten sich zu sehr geschickten Handwerkern, die die verschiedensten Materialien zu verarbeiten verstanden. Bei den Burjaten wurde Maidari als Buddha besonders verehrt, von dem sie glaubten, er würde in regelmäßigen Abständen reinkarniert. Zu seinen Ehren wurden bei den Datsans Feste veranstaltet, in deren Verlauf Maidari auf einem besonderen Wagen umhergefahren wurde.
Um den Lamaismus von Tibet und der Mongolei unabhängig zu machen, ernannte der Zar 1741 den Prior des Tsongol Datsan zum lamaistischen Oberhaupt der Burjaten. 1764 wurde ihm der Titel des Bondido (Pandita) Chambo Lama verliehen, und Gushinoozerskiy wurde seine Residenz. Einen großen Aufschwung erlebte der Lamaismus im 19. Jh. Bis 1816 gab es 39 Datsans, Ende des Jahrhunderts waren es 42. Die Zahl der Lamas stieg von 2.600 im Jahre 1822 auf 5.545 im Jahre 1842. Schätzungsweise jeder fünfte burjatische Mann war ein Lama. Nach der Revolution hofften die Sowjets, den Lamaismus zur Verfolgung ihrer Ziele benutzen und in die neue sozialistische Ordnung integrieren zu können. 1929 setzte jedoch eine starke antireligiöse Kampagne ein, in deren Verlauf alle religiösen Feiern gestört und viele Datsans geschlossen wurden. Diese Kampagne verlief so radikal, daß die dafür verantwortliche "Liga der militanten Gottlosen" 1930 gestoppt werden mußte und die Lamas bis 1937 nicht weiter behelligt wurden. Im Zuge der allgemeinen restriktiven Religionspolitik erlebte der Lamaismus nach dem Zweiten Weltkrieg einen Niedergang, hielt sich aber dennoch bis heute und erlebt nun wieder einen Aufschwung.
9.7 Buddhismus Heute
Auf der Home-Page der Burjatischen Republik ist folgendes zu lesen: "Es ist bekannt, daß die Ausdehnung des Lamaismus unter den Burjaten bis in das 18. Jahrhundert zurückdatiert, als 1712 einhundertundfünfzig tibetische Lamas nach Burjatien kamen. Aber es wird angenommen, daß noch lange vor 1712 die Burjaten mit dem Lamaismus durch die angrenzende Mongolei vertraut war, welches seit Anfang des 17. Jahrhunderts ein buddhistisches Land war. Jedes Jahr kommen Menschen aus der Gegend entweder per Fuß, mit Karavanen oder mit Autos in die Berge um die Meister der Geister um Hilfe zu fragen oder ihnen zu schmeicheln."
- Im Folgendem werden dann die verschiedenen Feste und Riten beschrieben: "Obo-tahliga" opfern und beten an einem Steinhaufen (Obo) auf den Bergspitzen; "Dailaga" erfragen der Zukunft am Obo.
Gebetsmühlen mit tausenden Gebetszetteln werden gedreht. Täglich, zu verschiedenen Zeiten und an besonderen Feiertagen, werden heilige Dienste in den Tempeln verrrichtet bei denen die Trompeten und Feuer angezündet werden in die Teigklumpen geschmissen werden. "Sor" ist nach dem Mondkalender ein Neujahrsfest mit besonders prachtvollen Riten. Während 16 Tagen sind mehrere Riten den "zwölf Wundern von Buddha" gewidmet, wobei Feuer eine wichtige Rolle spielt; "Maidari Khural“ ist ein Fest im Sommer und zu Ehren des kommenden Buddha; "Tsaul-khural" ein Herbstfest an dem die Lehre der Wiedergeburt mit mittelalterlichem Tierkult und Ahnen-Anbetung gemischt wird; "Naidani-khural" ist ebenfalls ein herbstliches Fest besonders für die Einsiedler im Tempel.
- Auch die Idee des "Lebensrads", "Wheel of Life" oder "Tanka" wurde von Osor Budaev (1886-1937) für die Burjaten gestaltet. Es symbolisiert, gleich dem tibetische Lebensrad, daß alles im Fluß und nichts statisch ist.
- Der Burjate Agvan Derisive (1853-1938), bekannt als Berater und Tutor des 13. Dalai-Lama, spielte eine große Rolle in der Förderung des Buddhismus in Burjatien. Nachdem er die höchste Auszeichung im buddhistischen Studium bekam, repräsentierte er die tibetische Regierung in St.Petersburg und half beim Aufbau des dortigen Tempels. Noch mehrere namenhafte burjatische Männer waren in St.Petersburg und trugen zu der lamaistischen Literatur und Wissenschaft für ihr Volk bei.
Ivolga Tempel bei Ulan Ude
"Leider mußten in diesem Jahrhundert viele der buddhistischen Wissenschaftler auch das Schicksal der burjatischen Lamas teilen. Sie kamen bei den Torturen in den Gulags ums Leben; Tempel wurden zerstört. Gegen Ende der 40er Jahre wurde der Ivolga Tempel, der nicht weit von Ulan Ude liegt, zur Erinnerung an die heroischen Kriegseinsätze der Burjatischen Buddhisten gebaut. Im Ivolga Tempel residiert der Bandido-Khambo Lama, der zentrale Verwalter des Buddhismus in Rußland." "Kürzlich besuchte der Dalai-Lama Burjatien, was ein außergewöhnliches Ereignis der Republik war. Er segnete das Land neben dem Baikal und alle Menschen in ihm. ..."
Wie aus dieser Darstellung hervorgeht, ist der Buddhismus in Burjatien eine Mischung aus den schon oben angeführten Religionsvorstellungen, Annimismus, Tengger-Kult, Ahnenkult und Schamanismus. In vielem ersetzt und vertritt der Lamapriester den Schamanen und umgekehrt. Hilft das eine nicht, wird eine Alternative versucht. Auf diese Weise haben die Burjaten viele Vorstellungen zu einer Religion vereint.